Öffentliche Kunst in Hannover

Die Frauen von Messina

Das Ensemble besteht aus drei Bronzefiguren, denen nur an Details anzusehen ist, daß es sich wie im Titel angedeutet um Frauen handeln könnte - (hängende) Brüste oder ein durch Schwangerschaft gewölbter Bauch. Ansonsten herrscht eher Deformation statt Abstraktion vor. Gibt der Titel einen Hinweis, was dies zu bedeuten haben mag? Messina ist eine Hafenstadt im Nordosten Siziliens. Das Gebiet war schon Jahrhunderte vor Christi Geburt besiedelt, durch Kriege und Erdbeben zerstört und immer wieder aufgebaut worden. Aus der Neuzeit ist die Konferenz von Messina (1955) bekannt mit dem Beschluß zum gemeinsamen europäischen Markt und der gemeinsamen europäischen Nutzung der Kernkraft, der mit den Römischen Verträgen (1957) verwirklicht wurde.

Ein Bezug der deformierten Körper zur Leidensgeschichte der Stadt scheint plausibel, der Bezug zwischen Kernkraftnutzung und deformierten Körpern erscheint für den Entstehungszeitpunkt zunächst etwas gewagt. Allerdings gab es 1977 die Entscheidung, den ebenfalls in Niedersachen befindlichen Salzstock Gorleben auf Eignung hinsichtlich eines Endlagers für radioaktiven Müll zu untersuchen. Ein in der Nähe auf der Liste Meile aufgestellter und entsprechend bemalter Findling erinnert an den Gorleben-Treck von 1979, die größte Demonstration, die in Niedersachsen jemals stattgefunden hat - und die sich gegen die Lagerung von radioaktivem Müll in der Region gerichtet hat. Von daher paßt der Bezug zum Aufstellungszeitpunkt 1977 schon sehr gut ins Bild, ein frühes, prophetisches Werk zu der Problematik vielleicht.
Nun, wollen wir jedenfalls mal hoffen, daß wir die Kernkraftwerke loswerden, ohne daß solche Gestalten irgendwo herumlaufen werden. Hoffentlich bleibt auch der Müll gut verpackt, damit diese alptraumhaften Körper nicht zu Visionen der Zukunft werden.

Von der Zeit der Aufstellung her dürfte dies in etwa zusammenfallen mit dem Bau der U-Bahn, Passerelle und Lister Meile. Inzwischen wurde zwar die Passerelle bis hin zum Raschplatz renoviert und optisch aufbereitet. die Passerelle wurde gar nach der Ehrenbürgerin Niki de Saint Phalle umbenannt. Dieser Bereich zwischen Raschplatz und Andreas-Hermes-Platz jedoch dürfte aber nach wie vor ungefähr im Originalzustand sein. Ursprünglich war geplant, das Problem der Zerschneidung der Innenstadt durch die Bahngleise am Hauptbahnhof mit einer großen Fußgängerzone aufzubrechen, was aber zumindest in diesem Bereich nie von vielen Bürgern genutzt wurde. Als letzte Barriere erweist sich hier eher die ebenerdige Berliner Allee als die Raschplatzhochstraße, die besonders durch die Skulptur 'Hangover' inzwischen sehr gut in das Stadtbild integriert worden ist. Die Berliner Allee nimmt der Fußgängerzone allerdings zu viel Licht, was psychologisch schlecht ist. So gelangen die Passanten vom Bahnhof oder vom Raschplatz her kaum in diesen Bereich, der eigentlich bereits wieder recht gut und großzügig angelegt ist, dann aber in den etwas tristen Andreas-Hermes-Platz übergeht, dessen Wasserbecken eigentlich eine Menge Potential hat, welches aber durch fehlende sonstige Begrünung und freundlicherem Umfeld nicht reicht, um die Leute durch diesen Durchgang strömen zu lassen. Der gesamte Raum verspricht hier eigentlich einen großen Auftritt, der aber auf dem Andreas-Hermes-Platz nie realisiert wurde.

So verletzt oder deformiert wie die Skulpturen hier stehen, weisen sie daher eher unabsichtlich auf diese Problemzonen der Stadtentwicklung Berliner Allee und Andreas-Hermes-Platz hin. Der etwas tiefergelegene, eigentlich ganz freundliche Platz führt so in der einen Richtung aus dem Licht in die Finsternis, die auch gern als Pissoir benutzt wird, in die andere Richtung geht es in die Tristesse eines Platzes, dessen eigentlich gelungenes Wasserbecken durch fehlendes Drumherum und Pflege im Stich gelassen wurde. Kein Wunder also, daß sich die drei Gestalten hier unter in ihrer Deformation krümmen und in sich selbst zurückziehen und wohl noch den besten Platz hier in der Gegend erwischt haben, mal abgesehen von den Enten im Wasserbecken.

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