Öffentliche Kunst in Hannover

Große Kugelform

Die abstrakte Skulptur besteht im Grunde aus zwei Teilen, die zusammen eine Kugel bilden. Der eine Teil besteht aus Muschelkalk und ist direkt sichtbar und anfaßbar. Mal abgesehen von der porösen Oberfläche entspricht dies nur einem Teil des Volumens und der Oberfläche einer Kugel. Der andere Teil besteht in dem, was dem ersten Teil an einer Kugel fehlt. Der zweite Teil ist also im Grunde, was aus einer gedachten Kugel mit elegantem, geschwungenem und symmetrischem Schnitt entfernt wurde. Der Muschelkalk-Teil und der fehlende Teil sind nicht symmetrisch, aufgrund des kurvigen Schnittes aber ineinander verzahnt. Der fehlende Teil könnte auch nicht einfach als ein Stück angefügt werden, dazu ist der Schnitt zu komplex gekrümmt gewählt, eine direkte Vereinigung scheint so für immer ausgeschlossen.

Unter dem Einfluß der Witterung und von Mikroorganismen verändert sich die Mikrostruktur der Oberfläche unvermeidbar im Laufe der Zeit, was dem Künstler bei der Wahl des porösen Materials klar gewesen sein muß.

Es verwundert jedenfalls etwas, daß das zunächst komplett abstrakte Werk 1959 zum Symbol der deutschen Einheit umgewidmet wurde. Dazu wurde ein entsprechender beschrifteter Stein mit der Inschrift 'Einigkeit und Recht und Freiheit' davor im Boden positioniert - zwar mit Zustimmung des Künstlers, aber eigentlich nicht zur ursprünglichen Skulptur gehörend und so auch nicht in diese integriert. Die umwidmende Inschrift bleibt außen vor. Dazu kommt, wie bereits erwähnt, das fehlende Stück läßt sich mit dem vorhandenen rein mechanisch nicht wieder einfach zu einer Kugel vereinen. Hat man 1959 nicht mehr an eine Einheit geglaubt?

Die Politisierung der Abstraktion wird aus heutiger Sicht zur unfreiwilligen Komik, sollte man die politische Lage ähnlich wenig detailliert untersucht haben wie die Oberflächenstruktur der Skulptur?

So oder so - ich möchte dem eine etwas andere Interpretation entgegensetzen, spontan ergibt sich für mich eine Assoziation zur Trennung des Ichs von der Welt. Die Einheit läßt sich erahnen, das Gegenstück durch die gemeinsame Schnittfläche erfassen, doch die Vereinigung hieße, das Ich wieder aufzugeben zugunsten einer Kugelform, die jegliche Individualität vermissen läßt. Gleichzeitig ist das Ich niemals komplett von der Außenwelt trennbar, es ist nicht denkbar ohne das fehlende Stück. Die eigene individuelle Form impliziert die Existenz der Außenwelt, die im ständigen Kontakt die individuelle Form erst immer wieder definiert. Das poröse Material veranschaulicht, daß die Trennung auch zum guten Teil eine Illusion ist, die Trennungsgrenze ist ein amorphes Fraktal, keine ganz glatte, einfach definierbare Fläche. Alles ist ineinander verwoben, im Detail untrennbar verbunden. Nur aus der Ferne betrachtet, im idealen Modell ist es in zwei Teile trennbar. Die Versöhnung, die Vereinigung wird nur als abstrakter Gedanke vollzogen, als Reflexion über die eigene Form und die Relation zur umgebenden Welt. Wie sich die Oberfläche der Skulptur unvermeidbar mit der Zeit unter Einfluß der Umwelt verändert, so ändert sich mit der Zeit auch das Profil des Ichs ein wenig als immanenter Bestandteils eines Ichs, welches selbst ein dynamischer Prozeß ist, der sich erst aus der Reflexion über die Außenwelt und unter der Einwirkung der Außenwelt herausbilden kann.

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