Öffentliche Kunst in Hannover

Strich-Code

Bei der Schwarmkunstaktion werden entlang des Weges bunte Klebeetiketten an allerlei Stadtausstattung geklebt, Säulen, Laternen, Poller, Bänke, Bäume, Mülleimer, Verkehrsschildmasten, Schaufenster, eine Straßenbahn (die allerdings außerhalb der abgeklebten Strecke fährt) etc. Auf den Klebeetiketten stehen Preise im Eurobereich, rätselhafte (Artikel-)Nummern, Texte wie 'Sonderpreis' oder 'aus unserer Werbung', 'alter Preis - jetzt', 'reduziert'. Einen Strich-Code habe ich auf den Etiketten meine ich allerdings nicht gesehen, die Bezeichnung wird also nur verwendet, um auf die behandelte Thematik hinzuweisen, findet so aber keine Korrespondenz im verwendeten Material. In einigen Schaufenstern gibt es auch Puppen oder Torsos, die kreativ mit Preisschildern beklebt sind.

Schwarmkunstaktion wird das Projekt auch deshalb genannt, weil die initiierenden Künstler alle Interessierten einladen, daran zu bestimmten Terminen mitzuwirken und fröhlich bunt am Werke weiter zu tackern und zu kleben.
Schwarmkunst - da klingt natürlich auch sowas mit wie Schwarmintelligenz, das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile. Wie man herausgefunden hat, ist es bei einem Schwarm ja so, daß das kollektive Verhalten durch einfache Regeln hervorgerufen wird, welche die Einzelnen befolgen. Hier wird das mehr oder weniger grob der Weg sein, der von den Initiatoren vorgegeben ist, was dann genau geklebt wird und wie, wird mehr oder weniger von den einzelnen Teilnehmern bestimmt. Gut - und dann macht es natürlich einfach Spaß, in der Gruppe etwas zu erschaffen, ebenso wie neue Leute kennenzulernen und mit diesen zusammen an einem Projekt zu wirken, was alle interessiert.

Am Anfangspunkt der Strecke, im Historischen Museum und am Ende in der Reitwallstraße gehören jeweils noch temporäre Ausstellungen zu der Aktion. Angefangen hat die Klebeaktion am Historischen Museeum und läuft dann durch die Altstadt die Straßen entlang bis zu einem Etablissement in der Reitwallstraße, zum Rotlichtviertel am Steintor gehörig. Unterwegs sind deutlich unterschiedliche Klebetechniken erkennbar, an den Säulen des Historischen Museums rein flächig füllend beginnend, gibt es bereits ein paar Säulen weiter sich windende abstrakte Strukturen. Unterwegs sind dann Laternenmasten, Poller, ein verstorbener Baum etc eher wieder per Zufallsmuster flächig überklebt. An den Schaufenstern treten dann auch reliefartige Strukturen auf, wozu nicht einfach nur geklebt wurde, sondern auch geknickt, um aus der Fläche herauszukommen, auch hier gibt es wieder abstrakte Formen, sowohl farblich herausgearbeitet als auch durch die Orientierung der Knicke.

Auch bei der beklebten Straßenbahn wird eine reliefartige Klebetechnik verwendet. Auf der kantigen, überwiegend grünen Bahn sind vor allem orange und rote, auch einige gelbe und grüne Etiketten in Streifenmustern gemischt verklebt, zebrastreifenartig, Hauptrichtung der Streifen grob von oben nach unten, also quer zur Fahrtrichtung. Die Streifen samt der abstehenden Etiketten stellen sich also dem Fahrtwind entgegen. Bei etwas größerem Betrachtungsabstand, besonders wenn die Bahn in Fahrt ist, ergibt sich so ein flirrender Effekt, der sich dann bei näherer Betrachtung in abwechslungsreiche Strukturen der geknickt und unregelmäßig verklebten Etiketten auflöst.

Wie zu erfahren ist, nimmt diese Schwarmkunstaktion Bezug auf ein Jubiläum - 10 Jahre Prostitutionsgesetz - Legalisierung freiwilliger Prostitution, daher auch der Bezug zum Rotlichtviertel und die hübschen Preisetiketten - hat nicht alles seinen Preis in unserer Gesellschaft? Naja, vielleicht nicht alles, aber vieles. Das Historische Museum beherbergt neben der Dauerausstellung über die Historie von Hannover auch immer wieder zeitgenössische temporäre Ausstellungen. Damit wird jedenfalls ein Bezug zur Kunst ausgedrückt, wofür vielleicht das Sprengel-Museum inhaltlich naheliegender gewesen wäre, dem Rotlichtviertel aber wieder zu fern liegt, um einfach in der Aktion verbunden zu werden. Daß das Historische Museum allerdings wieder sehr gut paßt, liegt auch daran, daß einst das Rotlichviertel Hannovers eher in diesem Bereich war, von daher nicht nur ein historischer Rückbezug auf das Prostitutionsgesetz, sondern auch auf die Vergangenheit dieses Altstadtbereiches.

Allerdings gäbe es in der größeren Umgebung um das Steintor auch andere Ausstellungsmöglichkeiten, die aber vielleicht terminlich nicht so gut gepaßt haben. Das gewählte Material stellt natürlich auch einen Bezug zur Schnellebigkeit, Vergänglichkeit dar, was natürlich sowohl auf Aktionskunst als auch auf viele käufliche Produkte zutrifft wie auch auf die Nummern im Rotlichtviertel. Die Etiketten werden jedenfalls nicht allzulange der Witterung standhalten, wenn sie nicht schon vorher entfernt werden - schon in der Entstehungsphase hatte das Projekt bereits unter Vandalismus und Andenkensammlern zu leiden.

Die Schwarmkunstaktion zum Wa(h)rencharakter von Kunst und Sexualität jedenfalls läd nicht nur zum aktiven Mitwirken ein, sondern auch zur Reflektion über die Zusammenhänge von Kommerz, Käuflichkeit, Kunst, Intimität. Nun, was unterscheidet im Grunde den oder die Prostituierte von Arbeitern, Angestellten, Beamten, Selbständigen? Mit den Worten der Kapitalismuskritik könnte man einfach formulieren, daß sie sich wie andere auch gegen Geld ausbeuten lassen, an Körper und Seele, sich und ihren Körper hingeben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Gut, das machen in unserer Gesellschaft nicht alle Leute. Und nicht alle, die sich aufopfern, tun dies vorrangig des Geldes wegen. Etwas zynisch kann man behaupten, daß altruistische Menschen eben ihr Selbst, ihr Sein, ihre Kraft hingeben für andere, für die Gemeinschaft. Wenn man das Krankenschwestern, Ärzten, Lehrern etc zubilligt, warum dann nicht auch Prostituierten? Realistisch betrachtet wird es den wenigsten Prostituierten aber darum gehen, mit ihrem Schaffen altruistisch zu wirken, um bei ihren Freiern den Druck abzubauen, damit sie es nicht andernorts gegen den Willen betroffener Mitbürger tun. Objektiv mag das teilweise sogar zutreffen, trifft aber doch wohl zumeist die Dinge nicht im Kern. Wer würde das schon als Berufung bezeichnen? Also geht es doch darum, daß fast alles käuflich ist?

Nun, ist es nicht eher so, daß die Gesellschaft und die komplexen Abhängigkeiten der Menschen darin Disparitäten erzeugen, die dazu führen, daß es einigen besonders gut geht, anderen ausreichend gut und anderen eben schlecht. Es hängt natürlich von der jeweiligen Ausformung der Gesellschaft ab, wieviel Druck aufgebaut wird, um sich für diese oder jene Tätigkeit zu verdingen. Alternativ kann sich natürlich auch durch Zufall, gesellschaftliche Stellung oder persönliches Geschick die Möglichkeit ergeben, andere für sich arbeiten, anschaffen zu schicken. Das kann natürlich auch auf Arbeiter am Band zutreffen, aber auch auf Börsenmakler, Manager etc, die für Geld Körper, Gesundheit, Moral verkaufen, um Geld, den Lebensunterhalt zu verdienen. In einigen Fällen kann die Entlohnung natürlich auch so lukrativ sein, daß allein die Gier nach dem Geld ausreicht, um dazu anzutreiben, sich zu verdingen, also über den Lebensunterhalt hinaus. Dann mag es auch die Idee, das Motiv eines 'höheren' Zieles geben, wo man sich eben verkauft, um den Weg dahin zu finanzieren. Es mag das Motiv geben, für andere finanziell verantwortlich zu sein und so unter Druck zu geraten, sich zu verkaufen - ist dies alles dann wirklich freiwillig? Was ist freier Wille, wenn man in ein System eingebunden ist, welches nicht nur Rechte und Pflichten kennt, sondern daß einige auch bisweilen mehr oder weniger subtil dazu nötigt, sich zu verkaufen, um Verpflichtungen oder Notwendigkeiten zu nachzukommen?

Geld und Luxus kann ja auch zur Ersatzbefriedigung werden, zur Illusion von Glück. Bei einigen mag das funktionieren, bei anderen eher nicht. Zu letzterer Gruppe werden wohl fast alle Prostituierte gehören, auch weil es gesellschaftlich nicht besonders angesehen ist, Sex gegen Geld feilzubieten, wobei dabei die Anbieter auch noch deutlich schlechter wegkommen, als jene, die wohlmöglich gegen eigene öffentlich bekundete moralische Ansprüche die Dienste in Anspruch nehmen.

Mag es einigen freiwilligen Prosituierten anfangs noch recht verlockend, lukrativ erscheinen, mit ein paar schnellen Nummern gutes Geld zu machen, so kann man wohl doch davon ausgehen, daß der psychische und körperliche Verschleiß bei dieser Tätigkeit deutlich schneller voranschreitet als bei vielen anderen Tätigkeiten. Wobei auch viele andere Leute bei ihrer Arbeit mit der Zeit an körperlichem Verschleiß leiden mögen oder an psychischer Erschöpfung. Gerade bei Leuten mit hohen Einkommen an der Börse oder im Management etwa aber auch an Realitätsverlust und Menschlichkeit, irgendwas scheint man immer zu auf der Strecke zu bleiben, alles hat auch hier seinen Preis, bei einigen aber mehr als bei anderen.

Da es nun in jeder Gesellschaft mehr oder weniger große Disparitäten gibt und Menschen so oder so unter Druck geraten, scheint das Problem nicht einfach lösbar, weil es ohne perfekte, altruistische Menschen keine perfekte Gesellschaft gibt, in der alle gut zurechtkommen.

Um nun noch zu einem weiteren Aspekt der Aktion zu kommen - gibt es einen besonderen Bezug zwischen Kunst und Käuflichkeit? Prostituiert sich auch der Künstler für den Kommerz, um etwa die Begierden und Bedürfnisse von Sammlern zu befriedigen, die es erregt, Dinge, Kunst zu besitzen und sie so etwa auch der Rezeption durch die Gemeinschaft zu entziehen? Oder erschafft der Künster mit seinen zu verhökernden Werken auch nur an sich leicht durchschaubare Götzen für jene, die diese anbeten mögen, in einer Sucht in Besitz, unter Kontrolle bringen müssen?

Geht es da dem Künstler etwa schlechter als dem Arbeiter, Angestellten, Manager etc? Ich denke nicht. Letztlich zwingt den Künstler niemand zu künstlerischer Tätigkeit oder auch nur dazu, die eigenen Werke besonders danach auszurichten, was sich gut zu Geld machen läßt. Gut, sie werden jedenfalls nicht mehr oder weniger gezwungen als andere Bürger, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und sofern der Künstler seinen Lebensunterhalt anderweitig verdient oder bestreiten kann, so kann es ja egal sein, ob irgendwelche Leute dazu bereit wären, Geld dafür herauszurücken. Ähnlich vielleicht wie bei wissenschaftlicher Forschung muß der Künstler wie der Forscher letztlich selbst die Ideen aufbringen. Ob jemand dazu die Finanzierung beisteuert, ist ein anderes Problem. Ob man sich dabei danach richtet, was beliebt oder gerade opportun ist, kann natürlich sowohl Einfluß auf eine erfolgreiche Finanzierung als auch auf die eigene Integrität haben, wenn es einen inhaltlich eigentlich gar nicht interessieren sollte, was man gerade macht.

Persönlich bin ich immerhin sowohl bei meiner Forschungstätigkeit als bei meinen Kunstwerken in der glücklichen Lage, daß mich interessiert, was ich tue - gut, für Kunst bekomme ich kein Geld und meine Forschungstätigkeit ist befristet finanziert, aber immerhin ...
Da mag es mir natürlich besser gehen als vielen anderen. Und da mag ich natürlich nicht auf andere zeigen, die weniger Glück haben und die unter Druck Dinge tun, die sie eigentlich nicht wollen - freiwillig prostituieren, wie auch immer - wer wird das schon tun, der Zwang ist dann nur mehr oder weniger subtil, wenn es nicht gerade um den exotischen Fall geht, daß man sich und seinen Leib hingibt, um die Menschheit zu erlösen, wobei auch das eine Illusion sein dürfte, denn durch solch Hingabe allein müht man sich nur um die Symptome eines faulen Systems und arbeitet nicht daran, Ursachen zu beseitigen und die Umstände nachhaltig zu verbessern.

Mehr Information zur Aktion

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